Daniela Böhm – Dort wo du bist, bin auch ich

€6.90

Taschenbuch, 76 Seiten
ISBN: 978-3-944648-36-1
Preis: 6,90 Euro  inkl. MwSt., zuzüglich Versand 

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Produktbeschreibung

Taschenbuch, 76 Seiten
ISBN: 978-3-944648-36-1
Preis: 6,90 Euro

Gegensätze zwischen Traum und Wirklichkeit

 „Der Hass wandte seinen Blick nach oben, und da stand sie vor ihm: strahlender als jedes Sonnenlicht, leuchtender als der hellste Stern am Firmament und wärmender als ein Feuer in kalten Winternächten.“
Gegensätze bewegen die Welt und sie bewegen uns. Ihr unterschiedliches Sein bringt Spannung und Lebendigkeit in unser Leben, doch die Auseinandersetzung mit ihnen ist nicht immer leicht. Sieben fabelhafte Kurzgeschichten nehmen den Leser auf eine fantastische Reise mit – eine Reise zwischen Traum und Wirklichkeit.

 

Der Zweifel und der Glaube
Daniela Böhm

„Sprich“, sagte der Zweifel herausfordernd. „Aber was immer du auch erwiderst: Ich werde deinen Worten keinen Glauben schenken!“
Der Glaube ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Wieder einmal waren sie sich begegnet, wie so oft. In den Herzen und Köpfen der Menschen trafen sie ebenso häufig aufeinander wie in den vielen großen und kleinen Begebenheiten und Fügungen des Weltengeschehens.
Immer wieder triumphierte der Zweifel über den Glauben – und häufig hatte es den Anschein, dass der Glaube der Schwächere war. Sein schlichtes und sanftes Gemüt passte so gar nicht zu der Schlagfertigkeit des Zweifels – meistens schwieg er, wenn der Zweifel ihn bei allen möglichen Gelegenheiten davon zu überzeugen versuchte, dass er recht hatte.
Der Glaube verbrachte seine Zeit lieber mit bunten Träumen. Es waren Träume von einer besseren Welt, in der es keine Krankheiten gab, keinen Hunger oder sonstige Not, – einer Welt des Mitgefühls und Verständnisses, in der alle Wesen und auch die Erde selbst glücklich waren. Der Glaube begleitete all die guten Wünsche der Menschen und hoffte, dass sie den Tod nicht mehr fürchteten und ihn nur als eine Wandlung sahen. Er wünschte sich, dass eines Tages kein Kind mehr vor seinen Eltern gehen musste und all der Kummer, den die Menschen in sich trugen, aufhörte und sie glücklich wurden. Er erhoffte sich auch für die Tiere, dass sie nicht mehr durch Menschenhand starben, sondern ihrem naturgegebenen Sein folgen konnten. Und er glaubte an den Traum, dass die Erde selbst eines Tages wieder gesund und strahlend sein würde, wie zu Anbeginn ihrer Zeiten, denn er wusste um ihr Leid.
Unbeirrt glaubte er an all die schönen Träume, die bunten Schmetterlingen gleich herumschwirrten und die Menschen am nächsten Morgen voller Hoffnung erwachen ließen. Doch allzu oft verschwanden sie, kaum dass sie entstanden waren, wie Wolken am Himmelszelt, die ein ungestümer Wind mit sich forttrug. Zu übermächtig war der Zweifel und die Menschen schenkten dem Glauben keinen Glauben.

Unüberwindlich erschien das Bergmassiv, vor dem sich der Zweifel und der Glaube an diesem Morgen begegnet waren. Eindrucksvoll ragte es in einen wolkenverhangenen Himmel, der seine kargen und kalten Spitzen einhüllte.
„Der Glaube kann Berge versetzen“, sagte der Glaube leicht verschmitzt.
„Dieser Berg kann nicht einmal überwunden werden“, schnaubte der Zweifel, der höchst selten zu einem Spaß aufgelegt war. „Sieh nur, allein die glatten Felswände dort oben! Kein Halt ist da zu finden, man würde sofort in die Tiefe stürzen. Vollkommen ausgeschlossen“, setzte er überzeugt hinzu.
„Es stimmt“, sagte der Glaube, „beim ersten Betrachten erscheint es unmöglich. Doch wer weiß, vielleicht gibt es einen anderen Weg an den steilen Felswänden vorbei, der von hier nicht sichtbar ist.“
„Das ist wieder einmal typisch für dich: Immer glaubst du daran, dass es zu schaffen wäre. Ich sage dir, da gibt es keinen Weg. Wozu also die Mühe? Dann hat man den halben Anstieg geschafft, oder zwei Drittel, und muss umkehren, weil es nicht weitergeht. Warum sollte man das auf sich nehmen?“
Der Glaube aber war davon überzeugt, dass es eine Möglichkeit gab, auf den Gipfel zu gelangen. Da kam ihm eine Idee.
„Anstatt viel zu diskutieren, wie wir das immer tun, könnten wir eine Wanderung unternehmen und sehen, wer von uns beiden nun Recht behält. Was meinst du?“
Der Zweifel war verwundert über diesen Vorschlag. Meistens waren seine Begegnungen mit dem Glauben flüchtiger Natur, weil dieser, – davon war der Zweifel überzeugt –, letzten Endes doch immer der Verlierer in ihren Streitgesprächen war.
„Ich weiß nicht“, meinte er zögerlich, und schaute den Glauben an. „Wir würden schon bald umkehren müssen, und dann wär alles umsonst.“
„Du traust dich also nicht“, stellte der Glaube fest.
„Was redest du? Ich bin schließlich kein Feigling. Aber wieso sollte ich etwas tun, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist?“
„Wie kannst du das jetzt schon wissen?“, fragte der Glaube.
„Ich habe nicht behauptet, dass ich es weiß“, erwiederte der Zweifel ungehalten. „Ich habe nur meine Bedenken geäußert, weil ich davon ausgehe, dass es unwahrscheinlich ist, dass sich dort oben ein Weg befindet, der zum Gipfel führt. Wie viele Menschen haben schon versucht, irgendwelche Berge zu bezwingen und dafür mit ihrem Leben bezahlt?! Hätten sie auf mich gehört, wäre ihnen dieses Unheil nicht geschehen!“
Der Glaube schwieg einen Moment lang und dachte über die Worte des Zweifels nach. Triumphierend blickte ihn dieser von der Seite an. Im Übrigen hatte er auch keine rechte Lust, diesen Berg zu erklimmen. Das Leben war anstrengend genug. ( … )