witwenstein
Der Witwenstein

Gisela Riel – Der Witwenstein

€12.90

Taschenbuch, 302 Seiten

ISBN: 978-3-944648-02-6

Preis: 12,90 Euro inkl. MwSt., zuzüglich Versand

Art.-Nr.: 201303 Kategorie:

Produktbeschreibung

Taschenbuch, 302 Seiten
ISBN: 978-3-944648-02-6
Preis: 12,90 Euro

Der Witwenstein - Buchtrailer

Der Witwenstein – Buchtrailer

 

Als Janne sich nach dem Unfalltod ihres Mannes und dem Verlust ihres Babys  nach Jahren neu verliebt, ist sie sich sicher, dass es in dem kleinen Dorf Probleme geben wird.
Jake ist der Freund ihres Stiefsohnes, er ist elf Jahre jünger und geht in die letzte Klasse des Husumer Gymnasiums. Er macht Janne Mut und ist überzeugt, Liebe überwindet alle Hindernisse.
Aber auch Jake trägt  an seiner Vergangenheit, in der er versuchte, mit Drogen und Alkohol über den Tod seiner Mutter hinwegzukommen.
Immer noch fühlt Jake sich auch für Tine verantwortlich. Sie ist die jüngere Schwester von Tom, der ihm damals die Drogen beschaffte. Jake ist überzeugt, dass auch sie von Tom in die Abhängigkeit geführt wird. Er versucht, sie dem Einfluss ihres Bruders zu entziehen.
Als Tine in das Dorf zu ihrer Tante zieht, werden Jake und Janne von den Ereignissen überrollt. Sie können die Ereignisse am Witwenstein nicht verhindern, aber sie kämpfen für eine gemeinsame Zukunft.

 

Leseprobe:

Ich wollte einen Moment alleine sein, darum ging ich ein Stück die Wiese hinunter. Fasziniert schaute ich auf das zarte Abendlicht, das sich wie Schleifenband um die Wolken legte. Vor mir lag die Nordsee, träge wie eine alte graue Katze. Ich spürte, wie jemand hinter mich trat und drehte mich um.
„Sieht das nicht unglaublich aus?“, fragte ich Jake und deutete mit dem Glas in der Hand auf den Abendhimmel. „Ich würde mich gar nicht trauen, so etwas zu beschreiben.“
„Warum nicht?“, Jake schaute mich fragend an.
„Na, vielleicht ist es einfach zu schön, das kann man gar nicht beschreiben.“
„Aber du könntest es versuchen“, sagte Jake, „wenn man sich um Dinge, die einem wichtig sind, sehr bemüht, dann schafft man es auch. Man darf sich nur nicht entmutigen lassen.“
Sein Ton passte nicht zu der fröhlichen Stimmung dieses Abends. Ich hatte das Gefühl, auf einer Drehbühne zu stehen. Ohne unser Zutun verschoben sich die Kulissen. Wir waren in einem neuen Stück, in dem es um etwas ganz anderes ging, als um die Beschreibung eines Sonnenuntergangs. Für den Bruchteil von Sekunden wusste ich genau, welchen Inhalt diese neue Inszenierung hatte. Meine Gänsehaut kam nicht von der Abendluft. Ich musste sofort gegensteuern, die Klippen waren gefährlich nah.
„Ich denke, man sollte seine Grenzen kennen und akzeptieren“, sagte ich und hakte mich locker bei Jake ein.
„Nur wir selber bestimmen unsere Grenzen, wir ganz alleine.“ Jake ließ sich nicht so einfach mitnehmen. Er rührte sich nicht von der Stelle. Ich wusste, ich durfte ihn nicht weiter reden lassen. Ich schüttelte den Kopf und sah ihn an. In seinen Augen las ich so viel Hoffnung und Liebe, dass es mir nicht möglich war, ein Wort zu sagen. Ich schüttelte nur immer wieder mit dem Kopf und legte ihm einen Finger auf die Lippen. Er griff nach meiner Hand und legte sie an seine Wange. Ich entzog sie ihm, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich ließ ihn stehen und ging zu den anderen. Zu vorgerückter Stunde kam meine Freundin Karen mit ihrem Mann vorbei, um ein frohes Osterfest zu wünschen. Wir saßen bis spät in der Nacht zusammen, erzählten Dorfgeschichten und tranken doch noch reichlich von dem teuflischen Eiergrog. Ich vermied es, Jake anzuschauen, aber ich wusste, dass er mich die ganze Zeit beobachtete.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit Kopfschmerzen und dem Gefühl, mich auf einer Fahrt mit unbekanntem Ziel zu befinden. Von diesem Tag an hörten Jakes Besuche bei uns auf, erst wurden sie seltener und dann stellte er sie ganz ein. Ich hingegen versuchte, unser Gespräch zu vergessen.
Ich spürte ein eigenartiges Ziehen in der Herzgegend, als ich an den Abend zurückdachte. Der Schmerz legte sich über meinen ganzen Körper. Ich hatte Jake am Ostersonntag behandelt wie einen dummen Jungen, der nicht fähig war, seine Schuhe zu binden.
Ich war mir sicher, ich würde die richtigen Worte finden, wenn er mir jetzt gegenüber sitzen würde. Ein Blick auf unsere Küchenuhr zeigte mir, dass es kurz nach vier Uhr war. Es schien mir unendlich wichtig, ihn sofort anzurufen.
Jake meldete sich schon nach dem zweiten Rufton. Seine Stimme klang nicht verschlafen.
„Hallo Jake“, am anderen Ende war Schweigen, „hab ich dich geweckt?“
„Ich schlafe seit einiger Zeit nicht besonders gut“, sagte Jake und seine Stimme bestätigte seine Worte. Er war hellwach.
„Jake, ich glaube wir müssen miteinander sprechen.“
„Ja“, ein tiefes Ausatmen klang zu mir herüber, dann lachte er leise.
„Huh“, ich sah sein schiefes Grinsen und wie er sich mit der Hand durch die Haare fuhr, als stünde er vor mir.
„Ich hab mir so gewünscht, dass du anrufst, dass ich es jetzt kaum fassen kann.“ Ich fragte ihn, warum er so lange nicht mit mir gesprochen hatte.
„Ich habe es versucht“, sagte er, „du wolltest es nicht.“
Ich schwieg und dachte an diesen Moment am Osterabend, der, so wollte ich mir einreden, doch gar nichts zu sagen hatte. Ich erinnerte mich an den süßen Gesang des Amselmannes, der seine ganze Sangeskunst einsetzte, um endlich erhört zu werden. Wollten wir das nicht alle? Endlich erhört werden, errettet aus dem Meer der Einsamkeit, errettet, bevor wir endgültig darin ertranken?
„Wir sollten nicht am Telefon reden.“ Ich zog an meinem zu kurzen Schlafshirt, als könne er mich sehen.
„Nein, das sollten wir nicht“, sagte Jake. Danach wurde es still zwischen uns.
„Komm rüber“, sagte ich, „ich setzte einen Kaffee auf.“
„Okay.“
Ich schloss die Außentür auf und setzte die Kaffeemaschine in Gang. Ich ging in mein Schlafzimmer und zog mir meinen Jogginganzug an. Ich suchte nach Zigaretten und wusste, dass es ein schlechter Zeitpunkt war, um mit dem Gift aufzuhören. Aber wann zum Teufel, dachte ich, ist es schon ein guter Zeitpunkt, mit Dingen, die man liebt, aufzuhören.
Als Jake hereinkam, wusste ich, was er gemeint hatte, als er gesagt hatte, er schlafe kaum. Ich musste dagegen ankämpfen, ihn zu bemuttern. Ich hätte ihm gerne eine heiße Dusche, ein Glas warme Milch mit Honig und ein frisch bezogenes Bett verpasst. Ich hatte das Bedürfnis, ihm den fehlenden Knopf an sein zerknittertes Hemd zu nähen und seine schief getretenen Stiefel zum Schuster zu bringen. Er sah hohlwangig, übernächtigt und sehr attraktiv aus. Ich musste an eine Bemerkung denken, die ein Reporter einmal über Jimmy Dean gemacht hatte, als er einen von ihm so verhassten Interviewtermin absolvieren musste. „Er sah aus wie ein ungemachtes Bett.“
Genau das traf auf Jake zu. Ich konnte gar nicht anders, man hätte mir schon die Arme auf dem Rücken festbinden müssen, ich musste ihn umarmen, ihm die Hand an seine unrasierte Wange legen. Seit wann musste er sich rasieren?
„Ich wollte doch an dem Abend nur mit dir reden“, seine Stimme war klein und zittrig. Ich hielt ihn umarmt, bis er sich beruhigt hatte.
„Jake, du wolltest etwas sagen, was dir vielleicht später leid getan hätte, es ist besser, wir sprechen das nicht aus.“
Kaum war der Satz über meine Lippen, dachte ich, die Wände der Küche stürzten ein, während alle Gegenstände vom Boden abhoben und sich schwebend durch den Raum bewegten. Ich hatte „wir“ gesagt, wir sprechen es nicht aus. Wir, wir, wir. Ich liebe ihn, dachte ich ganz ruhig. Ich liebe diesen durchnächtigten, zerrupften, wunderbaren Jungen, der da vor mir steht und mich ansieht, als könne er nicht fassen, was da soeben zwischen uns geschieht. Ich glaube, ich stand unter Schock, jedenfalls kam mein Zustand dem sehr nahe. Ich schenkte mir Kaffee ein und hielt mich an der Tasse fest.
„Hey“, Jake trat hinter mich und legte die Arme um mich, so wie ich ihn zuvor umarmt hatte.
„Endlich“, sagte er, und zum ersten Mal fühlte ich seine Lippen auf meinem Haar. „Ich habe nicht mehr daran geglaubt.“
Der Rollenwechsel, der zwischen uns stattfand, zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ich löste mich aus seiner Umarmung und setzte mich mit Knien aus Pudding an den Küchentisch. Nachdem ich eine Zigarette zwischen den Fingern hatte, kam ich wenigstens soweit zur Ruhe, dass ich nicht mehr das Gefühl hatte, auf der Stelle in Ohnmacht zu fallen.
„Und nun?“, ich erkannte meine Stimme nicht, und setzte noch einmal an „was soll nun werden?“
Jake beugte sich zu mir herunter.
„Ich hätte da so ungefähr tausend Ideen, die Zahl kann aber nach oben korrigiert werden.“ Er merkte, dass ich über seine Sprüche nicht lachen konnte und wurde ernst.