Mensch lernt

Gabriele Auth – Mensch lernt von Mensch

€6.90

Taschenbuch, 92 Seiten
ISBN: 978-3-944648-37-8

Preis: 6,90 Euro  inkl. MwSt., zuzüglich Versand

Produktbeschreibung

 

Taschenbuch, 92 Seiten
ISBN: 978-3-944648-37-8

 

Gabriele Auth bewegt sich liebevoll beobachtend, denkend und schreibend durch den Alltag.
Sie erzählt von kleinen Dingen, die große Schatten werfen, von Menschen, die auf Menschen treffen, oder von der Begegnung mit sich selbst.
Ob in der Geschichte von Sargmacher und Juli, bei der Beobachtung eines alten Katers oder beim Nachdenken über Gott in ihrer Küche, die Autorin schreibt in einer offenen und  direkten Sprache von intensiver Schlichtheit, die trotz poetischer  Momente und eindringlicher Bilder nie ins Kitschige abgleitet.

 

Leseprobe:

Begegnung

Schnee. Dieser besondere, kristalline Aggregatzustand des Wassers.
Als Kind habe ich ihn jedes Jahr herbeigesehnt. Und ich liebe ihn noch heute, wie er in hauchzarten Kristallen federleicht vom Himmel schwebt und alles mit einer pudrigen, glitzernden Hülle überzieht. Die Welt scheint unter seinem Einfluss geheimnisvoll zu leuch-ten, und alle Konturen bekommen weiche weiße Rundungen.
Am Abend, wenn es dunkel wird, geht eine fast mystische Helligkeit von den weißen Flächen aus, unter denen die tiefgefrorene Erde neue Kräfte sammelt für den Aufbruch in den kommenden Frühling.
Kinder sind dieser Wintermagie näher als Erwachsene. Doch auch mich zieht sie noch in ihren Bann.
Seit drei Wochen genieße ich sie jetzt. Meinen kleinen Peugeot habe ich in dieser Zeit kein einziges Mal bewegt. Heute brauche ich ihn. Er steht vor der Haustür, bedeckt mit einer zehn Zentimeter hohen Schneeschicht, als hätte er sich in einen Kokon eingesponnen. An ei-
nigen Stellen im unteren Bereich blitzt noch ein wenig von dem hellblauen Lack hervor.
Mit beiden Händen mache ich mich ans Werk. Ich könnte den Handfeger aus dem Keller holen, aber ich schwelge lieber in der Empfindung des Schnees an mei-nen Händen. Das allmähliche Abkühlen und Erstarren der Finger erinnert mich an die Schneemänner und Schneeballschlachten meiner Kindheit, an hochrote Wangen, laufende Nasen und leuchtende Augen. Ich lächele bei dem Gedanken und bei der Erinnerung an den Geschmack von frisch gefallenem Schnee. An das unvergleichliche Gefühl, mit angehaltenem Atem die ersten Fußstapfen auf eine weiß glitzernde, unberührte Fläche zu setzen.
Wir waren Pioniere. Es war vielleicht ein kleiner Schritt in den Augen der Erwachsenen, doch ein großer Schritt für uns Kinder. Immer wieder.
Eine Männerstimme unterbricht mich in meinem inneren Rückblick. Mit einem fremdländisch anmutenden Akzent schleicht sie in meine kalten Ohren:
„Die Amerikaner sagen, wer sein Auto liebt, der pflegt es.“
Ich blicke von meiner Tätigkeit auf. Vor mir steht ein orientalisch wirkender Mann in mittleren Jahren. Er trägt eine schwarze Wollmütze auf dem Hinterkopf. Ich sehe in ein freundliches, fast sanftes Gesicht mit dunklem Vollbart und dunklen Augen, in denen es jetzt schalkhaft blitzt.

„Die Amerikaner sagen, wer sein Auto liebt, der pflegt es“, wiederholt er und beugt sich ein wenig über die Motorhaube, hinter der ich stehe, mir entgegen.
Ich lache. „Ich liebe mein Auto eigentlich nicht“, antworte ich. „Ich muss nur den Schnee abschaufeln, weil ich fahren will.“
Er nickt schmunzelnd. „Aber bestimmt lieben Sie Ihren Mann. Manche lieben ihr Auto ja mehr als ihren Mann.“
Jetzt nicke ich. „Ja, kann sein, aber bei mir ist das anders. Ich liebe meinen Mann mehr als mein Auto. Auf jeden Fall.“
Mein Gegenüber lächelt, während er leicht den Kopf neigt und erwidert: „Das ist gut, wirklich gut. Sie lieben ihren Mann.“
Er wendet sich ab. Geht einen Schritt, hält inne und sagt leise: „Mensch lernt von Mensch.“

Dann setzt er seinen Weg fort. Ich sehe ihm nach, wie er in seinem grauen Wollmantel die Straße hinunter-
geht, eine freundlich schwingende Silhouette im Schnee.
Was für ein eigenartiger Dialog, denke ich, während meine Hände wieder in den Schnee auf meiner Windschutzscheibe tauchen. „Mensch lernt von Mensch.“
Das Universum schickt immer wieder jemanden mit einer Botschaft. Manchmal ist es nur ein Satz.

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